Fußball: Chronik einer späten Liebe

In Magdeburg Mitte der Siebziger erwischte mich der Punk. Von dort war es nicht weit zum Fußball. Heute reise ich zu den Stadien der Welt und treffe meine Großfamilie.

Ein Falke steht hoch oben über dem Berliner Jahnsportpark.
Das Geräusch von Trommeln dringt aus dem Mauerpark herüber. Plötzlich ein
Schrei aus Hunderten Mündern. Ich werde am Arm herumgerissen, meine Nase landet
auf einem schweißnassen Hals. Ein Fremder presst mich an sich. Ich halte die
Luft an, mein Herz schlägt wild. Der Mann in weinrotem Shirt lässt endlich los.
Wir schielen uns verlegen an. Ringsum donnert Applaus, ein Saxofon jubelt.
Fahnen werden geschwenkt. Der Kerl schaut wieder auf seine Mannschaft. Ich
blinzele zu dem Falken hinauf.

In meiner Heimatstadt war ich nie beim Fußball. Die besten
Zeiten des Clubs, als der 1. FC Magdeburg 1974 den Pokal der Pokalsieger gegen Mailand
holte und unsere ganze Stadt feierte, liegen im Nebel meiner Kindheit. Mitte der
Achtziger erwischte mich der Punk. Wir waren nur ein paar Dutzend in der Stadt,
die aus dem System fielen – Schulversager, Bohemiens, Ausreisewillige,
Ex-Knackis, Marktverkäufer. Wir tranken, träumten, tanzten und hatten Ärger. Ich
lernte Pokern, 17 und 4 und entdeckte mein Talent für die Geisterbeschwörung.
Auf den Fahrten zu Punkkonzerten in Erfurt oder Ost-Berlin sangen meine Freunde
von Paule Seguin und dem “Pokoooal”. Von Auswärtsspielen des 1. FCM kamen sie
mit geklautem Schnaps und ausgeschlagenen Zähnen zurück.

Ein Jahrzehnt später lebte ich in Berlin, hatte ein
Studienjahr Kunstgeschichte in Italien absolviert und meinen Lebensgefährten
kennen gelernt. Am Anfang unserer Beziehung  erwähnte er Fußball nicht – als unser Sohn zur
Welt kam, war es längst zu spät. Da wunderte es mich nicht mehr, dass er mich
mit Hexenschuss und Baby zu Hause liegen ließ, um irgendein wichtiges Spiel zu
besuchen, ich würde mir schon zu helfen wissen. Wusste ich. Verzieh ihm und
begann, mir hin und wieder Spiele anzusehen. Schrieb ein Buch mit ihm über
Fußballfans im Osten. Führte ein Interview mit einem ehemaligen
Führungsoffizier der Staatssicherheit, der für den Anhang des BFC Dynamo
verantwortlich war und von den Fans “Commodore” genannt wurde (weil er sich so
viel merken konnte wie ein C64-Heimcomputer). Er redete voller Sympathie über
“seine Jungs”, erzählte von Auswärtsfahrten, wo den Berlinern von allen Seiten
blanker Hass entgegenschlug, einem Polizeieinsatz in Dresden, bei dem er
dazwischengegangen war. Wenn es stimmte.

Aber die Akten gab es noch, sie belegten die Gespräche mit
Fans. Mich überraschte, wie selten eine Anwerbung gelang. Der “Commodore”
meinte dazu: “Erpressbar war jeder, die ham trotzdem nee jesagt.” Viele konnten
sich rauswinden oder berichteten nur, wie sie betrunken im Gepäcknetz eines
Zuges Ankunft und Spiel verpennt hatten. Sie gerieten in Schlägereien, wurden
verhaftet. Statt der geforderten Berichte gab es Anrufe von der
Transportpolizei.

Ich amüsierte mich, fing Feuer. Ging zu Spielen, sah mir die
Fans genauer an. Aus den brüllenden Viechern, die an Zäunen rütteln, wurden
allmählich Spaßvögel mit lockeren Fäusten.

Frauen schreiben. In dieser Kolumne abends, um 10 nach 8, montags, mittwochs, freitags, politisch, poetisch, polemisch.

Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnenkollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen.

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Die Redaktion von 10 nach 8 besteht aus:

Marion Detjen, Zeithistorikerin
Hella Dietz, Soziologin
Heike-Melba Fendel, Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment
Annett Gröschner, freie Autorin
Mascha Jacobs, Journalistin, Herausgeberin der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik
Stefanie Lohaus, Journalistin, Herausgeberin des Missy Magazine
Lina Muzur, Programmleiterin des Aufbau-Verlags
Catherine Newmark, Kulturjournalistin
Annika Reich, Schriftstellerin
Elisabeth Wellershaus, Journalistin

Geahndet wurde in der DDR der Klamauk der Fußballfans
genauso hart und mit demselben Waffenarsenal wie der Punk. Stadtverbot,
Einberufungsbefehl zur Armee, das Nahelegen einer Ausreise in den Westen, Knast
wegen Rowdytums. Wir kamen davon, mehr oder weniger gefleddert. Es dauerte, bis
ich mich unseren Geschichten stellte. Darüber schrieb. Einen Roman, ein paar
Sachbücher.

Magdeburg spielte nun ab und an im Jahnsportpark, meinem
Lieblingsstadion. Dort traf ich meine Kumpels wieder. Ich lauschte ihren alten
Liedern von Paule Seguin, dem Pokal und Rotterdam. Eines Tages umarmte mich
dieser wildfremde Fan der gegnerischen Mannschaft – es war geschehen. Ich
wusste nicht mehr, auf welche Seite ich mich stellen sollte.