2017 zeigt: Black Mirror ist keine SciFi mehr

Verstörende YouTube-Clips und täuschend echt aussehende Sexroboter. Unser Kolumnist Johnny Haeusler glaubt: Im Jahr 2017 hat das echte Leben die Fiktion von TV-Serien wie „Black Mirror“ eingeholt.

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Verstörende YouTube-Clips und täuschend echt aussehende Sexroboter. Unser Kolumnist Johnny Haeusler glaubt: Im Jahr 2017 hat das echte Leben die Fiktion von TV-Serien wie „Black Mirror“ eingeholt.

Ich warte sehnsüchtig auf die neue Staffel der dystopischen TV-Serie „Black Mirror“. Dabei könnte man meinen, 2017 sei das Jahr, in dem die Realität die Fiktion endgültig eingeholt hat.

In China wird demnächst der „Citizen Score“ verpflichtend für alle Bürgerinnen und Bürger eingeführt. Mit Punkten wird dabei bewertet, wie Chinesinnen und Chinesen ihr Leben führen. Der gesammelte Punktestand hat Einfluss auf Wohnungs- oder Darlehensvergaben oder auch auf die Uni, die der Nachwuchs besuchen darf. Zynische Zungen behaupten, das wäre bei uns doch ebenfalls der Fall, nur dass man seinen eigenen Punktestand nicht einsehen kann. Eine Wohnung gibt es hierzulande oft schließlich auch nur mit der entsprechend positiven Schufa-Auskunft und weiteren Faktoren wie dem „richtigen“ Job und möglichst hohem Einkommen, und Darlehensrisiken werden schon lange vom Computer berechnet. Von einer chinesischen Gamifizierung des sozialen Status sind wir dennoch noch ein Stück entfernt. Hoffe ich.

Und auch von anderen Entwicklungen im Fernen Osten. Zumindest gehe ich davon aus, dass in Europa noch keine 20.000 eingestellte Editoren an einer eigenen (natürlich zensierten) Wikipedia arbeiten – was in China bereits der Fall ist.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Schauen wir also in die entgegengesetzte Richtung. Schauen wir nach Westen, in das Silicon Valley. Dort arbeitet Facebook daran, suizidgefährdete Jugendliche frühzeitig anhand ihrer Facebook-Aktivitäten und -Fotos zu erkennen, um ihnen rechtzeitig Hilfe anbieten zu können. Sagt Facebook. Und gibt Werbekunden gleichzeitig die Möglichkeit, „unsichere Teenager“ direkt mit ihren Kampagnen zu adressieren.

In Europa darf das System aufgrund strengerer Datenschutzbedingungen nicht eingesetzt werden. Wer das aber überprüft, bleibt offen.

Zur gleichen Zeit warnen ehemalige Facebook-Executives vor dem Sozialen Netzwerk, schämen sich für ihre Mitarbeit daran und verkünden, dass sie ihre eigenen Kinder nicht in die Nähe „von diesem Mist“ lassen.

Trotzdem sind es nicht immer nur Regierungen und Mega Corporations, denen man den teilweise desolaten Zustand der Welt in die Schuhe schieben kann. Mindestens ebenso häufig sind es einfach nur „ganz normale“ Menschen, die einen an selbigen verzweifeln lassen.

(Trigger-Warnung: Die nachfolgenden Links sind nichts für Leserinnen und Leser, die an das Gute im Menschen glauben – bei den Beschreibungen halte ich mich noch weitestgehend zurück.)

Da gibt es nämlich Leute, die ihren eigenen Kinder für äußerst verstörende YouTube-Clips missbrauchen, indem sie sie als Clown verkleidet erschrecken, sie „aus Spaß und als Spiel“ fesseln oder sie dabei filmen, wie sie beim Arzt eine Impfungsinjektion erhalten und dabei weinen.

Ich weiß gar nicht, was ich ekliger finden soll: Die Tatsache, dass Menschen so etwas tun oder die bittere Erkenntnis, dass solche Videos bis zu dreistellige Millionenabrufe haben und auch noch auf widerwärtigste Art kommentiert werden.

Natürlich wird durch in den Clips geschaltete Werbung Geld verdient, bei manchen dieser YouTuber sind es fünfstellige Summen im Monat. Und damit auch bei YouTube, denn die Google-Tochter behält 45 Prozent der Werbeeinnahmen für sich. Und der Algorithmus schlägt fleißig ähnliche Videos vor und füttert damit einen Markt, der tatsächlich alle bisherigen Black-Mirror-Folgen in den schatten stellt.

Erst, nachdem die Existenz der Videos öffentlich diskutiert wurde, reagierte YouTube, sperrte entsprechende Nutzer, löschte Videos und Kanäle und kommunizierte erweiterte Maßnahmen zur zukünftigen Verhinderung.